Lenas Erfahrungsbericht

"FBT hat uns noch enger zusammengeschweißt"

Wie Lena mit Unterstützung ihrer Familie und der FIAT-Studie einen Weg aus der Anorexia nervosa fand

Anorexia nervosa ist eine schwere psychische Erkrankung, die oft schleichend beginnt und für Betroffene und ihre Familien schnell zur Ausnahmesituation werden kann. In Deutschland werden schwer erkrankte Jugendliche häufig stationär in spezialisierten Kliniken behandelt. Parallel dazu wird derzeit auch ein anderer Ansatz untersucht: die Familien-Basierte Therapie (FBT), bei der Eltern eng in den Genesungsprozess eingebunden werden.
Lena hat die FBT vor drei Jahren gemeinsam mit ihrer Familie durchlaufen. Heute ist sie 19 Jahre alt. Sie hat ihr Abitur geschafft, lebt zu Hause und sagt offen: Ganz verschwunden ist die Essstörung nicht. Aber vieles ist heute besser als damals.

 

Der Beginn: zunächst unauffällig

Wann genau alles begann, kann Lena bis heute nicht sagen.
„Ich finde, man kann nicht so direkt einen Startpunkt nennen, weil das alles so ein schleichender Prozess ist“, sagt sie.
Rückblickend erkennt sie jedoch mehrere Veränderungen. Ende 2022 begann sie, auf Süßigkeiten zu verzichten und stellte ihre Ernährung auf vegetarisch um. Zunächst wirkte das harmlos.
Doch langsam veränderte sich ihr Alltag. Neben der Leichtathletik auf Leistungssportniveau machte Lena zusätzliche Workouts und Krafttraining – selbst an Tagen, an denen sie eigentlich keine Energie mehr hatte.

Im Frühjahr 2023 wurde sie auffallend häufig krank. Heute vermutet sie, dass ihr Körper bereits geschwächt war. Gleichzeitig schränkte sie ihre Ernährung immer stärker ein – vor allem Kohlenhydrate und Fette, während Proteine zunehmend im Mittelpunkt standen.

Lange gab Lena diese Entwicklung ein Gefühl von Kontrolle und Sicherheit – bis ihr klar wurde, dass sie die Kontrolle verloren hatte. Rückblickend beschreibt sie ihren Krankheitsverlauf so: Was sich anfangs wie Kontrolle angefühlt hat, wurde mit der Zeit von der Krankheit bestimmt.
Die Krankheit bestimmte zunehmend ihren Alltag. Lena versuchte lange, ihre Situation zu verbergen: Sie trug weite Kleidung, aß häufig allein und kochte manchmal selbst für ihre Eltern, um die Kontrolle über Zutaten und Mengen zu behalten.

 

Die Situation wird lebensbedrohlich

Mehrere Momente haben sich Lena bis heute eingeprägt. Einer davon war ein Gespräch mit einer Psychiaterin. Wegen ihres niedrigen Gewichts durfte sie plötzlich nicht mehr zur Schule gehen und sich auch nicht mehr körperlich betätigen.
„Das war für mich in dem Moment das Allerschlimmste“, erinnert sie sich. Nicht einmal Spaziergänge waren noch erlaubt. Es gehört zu den Aufgaben der Ärzte, Gefahren zu erkennen und Grenzen aufzuzeigen, die Lena in diesem Moment erreicht hatte. Neben dem Schulverbot wäre jedoch für Lena gleichzeitig auch mehr und konkrete Hilfe wichtig gewesen, die sie in diesem Moment nicht erhielt.
Ein weiterer Tiefpunkt folgte kurze Zeit später. Bei einem Termin bei der Kinderärztin wurde die Situation so kritisch eingeschätzt, dass Lena in die Notaufnahme der Charité überwiesen wurde. Die Ärztin erklärte, sie könne nicht mehr verantworten, sie wieder nach zu Hause zu schicken.
Lena erinnert sich an diesen Moment sehr genau. Vor allem eine Angst war damals präsent: die Möglichkeit, stationär aufgenommen zu werden.
„Ich wollte auf gar keinen Fall in eine Klinik“, sagt sie heute.

 

Wenn Hilfe schwer zu finden ist

Für Lenas Eltern begann in dieser Zeit eine Phase großer Unsicherheit. Die Familie suchte Hilfe bei verschiedenen Ärztinnen und Ärzten, fühlte sich aber oft orientierungslos.
„Wir wurden immer von A nach B geschickt“, erinnert sich Lena.
Untersuchungen habe es zwar gegeben, auch ein Blutbild. Trotzdem fehlte lange eine klare Einschätzung der Situation und eine konkrete Behandlungsperspektive.
Heute sagt Lena, dass Anorexia nervosa früher erkannt werden müsse. Gerade Kinderärzt:innen, Hausärzt:innen, Lehrkräfte und Eltern könnten eine wichtige Rolle dabei spielen, erste Warnzeichen ernst zu nehmen.

 

Eine neue Chance zu Hause: die Familien-Basierte Therapie

Auf die Familien-Basierte Therapie wurde Lenas Mutter aufmerksam. In einem Online-Forum las sie von diesem Ansatz und stieß auf ein entsprechendes Angebot an der Charité. Zwei Wochen nach der Anfrage erhielt die Familie einen Behandlungsplatz im FBT-Programm.
Für Lena war entscheidend, dass sie zu Hause bleiben konnte. „Das war für mich in erster Linie sehr ansprechend“, sagt sie. Die Vorstellung, nicht von ihrer Familie getrennt zu werden, spielte für sie eine große Rolle.
Kurz vor Beginn der Behandlung hatte Lena ein Gespräch mit ihrem ältesten Bruder, das für sie zu einem entscheidenden Moment wurde. Der Druck, ihr Abitur trotz der Erkrankung weiterzuführen, war groß. Gemeinsam entschied die Familie schließlich, die Schule zunächst zu pausieren.
„Das war wie ein Wendepunkt“, erinnert sich Lena. Zum ersten Mal habe sie wieder gespürt, dass sie gesund werden wollte.

 

Therapie im Familienalltag

Die erste Phase der Familien-Basierten Therapie beschreibt Lena als sehr schwierig. In dieser Zeit ging es vor allem darum, den Körper zu stabilisieren: regelmäßig sowie ausreichend essen und Gewicht zunehmen – genau das, wovor die Erkrankung am meisten Angst machte.
Essen anzusehen oder Lebensmittel anzufassen fiel ihr zunächst extrem schwer. Besonders sogenannte „Fear Foods“ – also Lebensmittel, die viele Betroffene mit Anorexia nervosa besonders fürchten, etwa Schokolade, Sahnesaucen, Öl oder andere kalorienreiche Speisen – lösten starken Stress aus. „Die Küche zu betreten war mir damals gar nicht möglich, aufgrund von zu großer Angst“, erzählt Lena.
Geholfen habe, dass sie mit ihren Eltern klare Absprachen treffen konnte. Sie übergab ihnen die Verantwortung über die Mahlzeiten, während ihre Eltern bestimmte Vereinbarungen einhielten.
„Ich vertraue euch und gebe euch die Kontrolle ab“, beschreibt sie diese Phase.
Auch kleine Strategien halfen im Alltag: etwa eine Kiste mit Lebensmitteln, die sie Schritt für Schritt wieder anfassen sollte, oder Kühlpacks und Eiswürfel, die in akuten Stresssituationen halfen.
Wichtig waren außerdem die gemeinsamen Sitzungen mit der Therapeutin.
„Es war eine vierte Person da“, sagt Lena, „die einen guten Rahmen geschaffen hat.“

 

Familie, Fortschritte und Ausblick

Auch Lenas Brüder spielten eine Rolle. Einer sprach sie als erster auf ihr Essverhalten an, der andere wurde später – eher unbewusst – zum Auslöser für den inneren Wendepunkt.
„Ich kann zu hundert Prozent bestätigen, dass es die Beziehung gestärkt hat.“
Die Zeit sei extrem schwierig gewesen, sagt Lena. Rückblickend habe das gemeinsame Durchstehen der Situation die Familie aber enger zusammengeschweißt.
Lena ist heute 19 Jahre alt, hat ihr Abitur abgeschlossen und lebt weiterhin bei ihren Eltern. Ganz verschwunden ist die Essstörung nicht – in unsicheren Phasen können alte Gedanken wieder stärker werden. Trotzdem sagt sie, dass sie große Fortschritte gemacht hat und heute deutlich stabiler ist.

 

Eine Botschaft an andere Familien

Lena weiß, wie groß die Angst vor einer solchen Behandlung sein kann. Trotzdem möchte sie anderen Familien Mut machen.
„Man sollte sich trauen, das einfach zu versuchen“, sagt sie. Auch ihre Eltern hätten zwischendurch gezweifelt, ob sie das schaffen würden. Am Ende aber hätten sie die herausfordernde Zeit gemeinsam bewältigt.
Der Weg aus der Anorexia nervosa sei schwer – aber definitiv möglich.

 

Der Erfahrungsbericht von Clara und ihrer Mutter

„Ich glaube, ich habe auf Hilfe gewartet“


Zwischen Klinikalltag und Neubeginn: Wie Clara und ihre Mutter die stationäre multimodale Therapie (SMT) erlebt haben

Wenn Jugendliche an einer Essstörung erkranken, führt der Weg häufig in eine spezialisierte Klinik. Dort werden sie im Rahmen einer stationären multimodalen Therapie (SMT) behandelt – mit einem klar strukturierten Alltag, festen Essenszeiten und einem Team aus Ärzt:innen, Psychotherapeut:innen und weiteren Fachkräften.

Auch Clara kam über die FIAT-Studie in ein solches Setting. In der Studie wird per Zufall entschieden, ob die Behandlung stationär (SMT) oder familienbasiert (FBT – Familien-Basierte Therapie) erfolgt.
Bei Clara fiel die Zuteilung auf die stationäre Therapie. Für sie bedeutete das einen mehrmonatigen Klinikaufenthalt – eine Zeit, die Clara und ihre Mutter stark gefordert hat, aber auch vieles in Bewegung gebracht hat.
Heute ist Clara 15 Jahre alt. Sie geht zur Schule, trifft Freund:innen und beschreibt ihr Wohlbefinden als „8 bis 9 von 10“. Die Essstörung spielt in ihrem Alltag nur noch eine kleine Rolle.
Doch bis dahin war es ein langer Prozess.  


Als sich etwas veränderte

Nach dem Tod ihres Vaters geriet das Leben von Clara und ihrer Mutter aus dem Gleichgewicht. Der Verlust und die Zeit danach waren für beide von Trauer und Belastung geprägt. „Es war eine schwere Zeit für uns“, erinnert sich ihre Mutter.
In dieser Zeit begann Clara, mehr Sport zu machen, bewegte sich regelmäßig und achtete stärker auf ihren Körper. „Ich wollte einfach dünner sein“, sagt sie rückblickend.  
Im Alltag fiel das nicht sofort auf. Gemeinsame Mahlzeiten blieben bestehen, Routinen wirkten stabil. Doch nach und nach änderte sich etwas. Clara ließ Mahlzeiten aus oder verschob sie, begann sich stärker an eigenen Regeln zu orientieren.
„Irgendwann war es nicht mehr so, dass ich weiter abnehmen wollte“, sagt sie. „Ich wollte eher wieder zunehmen, damit die anderen sich nicht mehr so viel Stress machen.“
Dann ergänzt sie: „Aber ich konnte nicht mehr essen.“
Der Wunsch, gesund zu sein, war zwar da – aber er ließ sich nicht mehr umsetzen.


Die Sorge beginnt bei der Mutter

Claras Mutter bemerkte die Veränderungen früh. „Ich habe ganz früh gemerkt, dass da irgendwas im Busch ist“, sagt sie. Gleichzeitig war sie selbst stark belastet: verwitwet, alleinerziehend, beruflich eingebunden.
Sie begann, Hilfe zu suchen – und stieß schnell an Grenzen.
Telefonate, E-Mails, Anfragen – oft ohne Ergebnis. Termine wurden verschoben, Rückmeldungen blieben aus. „Ich habe überall angerufen“, sagt sie. „Und du kriegst einfach keine Hilfe.“ Zwischen Vollzeitjob als Juristin und der Verantwortung als alleinerziehende Mutter fühlte sie sich oft überfordert.
Diese Phase beschreibt sie als besonders schwer. „Du siehst dein Kind vor dir und merkst, es wird immer schlimmer – und du kommst einfach nicht weiter.“
Auch für Clara war diese Zeit schwer greifbar. Gleichzeitig verschlechterte sich ihr Zustand körperlich zunehmend: Sie fror ständig, war erschöpft, verlor Haare.
Die Angst vor dem Essen fühlte sich dabei nicht wie eine klassische Angst an. „Es war eher so ein Stoppschild im Kopf“, beschreibt sie. Dinge wie ein Stück Kuchen wurden zu etwas, das sich nicht überwinden ließ – obwohl sie es eigentlich wollte.


Klinik und erste Veränderungen

Als Claras Zustand sich weiter verschlechterte, wurde klar: Es braucht jetzt eine klare Entscheidung. Sie wurde zunächst auf eine pädiatrische, also Kinder-Station aufgenommen, kurz darauf kam die FIAT-Studie ins Gespräch und Clara und ihre Mutter entschieden, teilzunehmen.
Die zufällige Zuteilung ergab die stationäre Behandlung. Für Clara war das schwer. „Ich wollte unbedingt in den anderen Studien-Arm“, sagt sie.
Der Start in der Klinik war eine große Herausforderung. Die Trennung von ihrer Mutter fiel ihr besonders schwer, die ersten Wochen beschreibt sie als „die schlimmsten überhaupt“.
Auch für ihre Mutter war es eine Ausnahmesituation. Sie musste ihre Tochter im Krankenhaus lassen, obwohl diese sie gerne bei sich gehabt hätte – und gleichzeitig darauf vertrauen, dass es der richtige Schritt ist. Ein Satz eines Arztes ist ihr aus dieser Zeit besonders in Erinnerung geblieben: „Vertrauen Sie uns.“
Nach einigen Wochen begann sich langsam etwas zu verändern. Clara lernte andere Jugendliche kennen, fand Anschluss, begann sich zu öffnen.
„Das Reden mit den anderen war total wichtig“, sagt sie. „Ich glaube, ohne das hätte ich es nicht geschafft.“
Der strukturierte Alltag – mit festen Essenszeiten, Therapien und klaren Abläufen – wurde mit der Zeit zu einem hilfreichen Anker.
Rückblickend beschreibt Clara diesen Wendepunkt so: „Ich habe das Gefühl, ich habe auf Hilfe gewartet.“
Das Essen selbst war für sie nicht immer das größte Hindernis. Schwieriger war es, die eigenen Gedanken zu verändern. „Das Wichtigste war, Hilfe anzunehmen – und gedanklich mitzuarbeiten.“


Zurück im Alltag

Nach etwa sechs Monaten kam Clara nach Hause. In der Klinik hatte vieles funktioniert – aber wie würde es sich im Alltag anfühlen?
Die ersten Stunden gaben eine erste Antwort. Es war noch ungewohnt, aber gleichzeitig erstaunlich ruhig. Mutter und Tochter merkten schnell, dass es funktionieren kann.
Clara hielt sich zunächst an den Plan, den sie aus der Klinik kannte. Mit der Zeit wurde das Essen freier, weniger streng geregelt. Auch im Umgang miteinander veränderte sich etwas: Die Mutter zog sich Schritt für Schritt zurück, während Clara nach und nach wieder mehr Verantwortung für ihren Umgang mit Essen und ihren Alltag übernahm.
Natürlich lief nicht alles sofort reibungslos. Manche Situationen brauchten Zeit, manches musste sich erst einspielen. Doch nach und nach wurde der Alltag wieder normaler – nicht perfekt, aber deutlich stabiler als zuvor.


Ein Blick zurück – und nach vorn

Rückblickend wird deutlich, wie entscheidend der Zugang zu Unterstützung war – und wie schwierig dieser zunächst sein kann. Die Phase vor Beginn der Behandlung war für beide besonders fordernd.
Ganz verschwunden ist die Essstörung nicht. In bestimmten Situationen tauchen Gedanken noch auf. Auch Erinnerungen bleiben – bei beiden.
Aber sie bestimmen das Leben nicht mehr.
Clara ist wieder mitten in ihrem Alltag. Sie fühlt sich stabiler, offener, freier. Auch die Beziehung zu ihrer Mutter hat sich verändert – sie sprechen mehr miteinander und verstehen sich besser.
„Ohne Hilfe hätten wir es nicht geschafft“, sagt ihre Mutter.
Und am Ende beschreibt sie die Situation ihrer Tochter ganz einfach: Clara isst wieder „mit Lust und Appetit“.

 

Der Erfahrungsbericht von Alex und ihrer Familie

„Man schafft das nicht alleine.“

Wie Alex mit Unterstützung ihrer Eltern und der FBT (Familien-Basierten Therapie) lernte, mit ihrer Magersucht umzugehen

Heute ist Alex 17 Jahre alt, geht zur Schule und plant, später Biologie zu studieren. Sie trifft Freunde, denkt über die Zukunft nach – Dinge, die lange Zeit in den Hintergrund gerückt waren.

„Es ist deutlich besser“, sagt sie selbst. An guten Tagen würde sie sich bei „sieben von zehn“ einordnen. Die Essstörung ist noch da – aber sie bestimmt nicht mehr alles.
Der Weg dorthin war kein klarer Wendepunkt, sondern ein Prozess mit vielen kleinen Veränderungen.

 

Als aus einer Idee ein Kreislauf wurde

Am Anfang stand ein Gedanke, der sich langsam festsetzte.
Alex erinnert sich: „Ich war unzufrieden mit meinem Körper und dachte, fünf Kilo weniger wären doch nicht viel.“
Sie begann, sich bewusster zu ernähren, wollte „gesünder“ essen – doch dann kamen Zahlen ins Spiel. Kalorien. Grenzen. Zielwerte, die sich immer weiter nach unten verschoben.

„Am Anfang waren es 1500 Kalorien am Tag. Dann 1000. Dann 900. Irgendwann war ich bei 300.“
Mit der Zeit verlor Alex den Bezug zum eigenen Körper. Hunger, Sättigung, Bedürfnisse – all das trat in den Hintergrund. Entscheidend wurde nur noch, dass die Zahl auf der Waage sank.

 

Was zunächst unauffällig wirkte

Auch die Eltern bemerkten Veränderungen, zunächst jedoch ohne die Tragweite zu erkennen. Manche Entwicklungen wirkten sogar positiv.
Der Vater erinnert sich:
„Auf einmal war alles in Alex Zimmer so tipptopp sauber, ordentlich, sortiert.“
Was zunächst wie neue Disziplin erschien, hatte jedoch eine andere Ursache. Wie Alex später beschreibt, entwickelte sich parallel zur Essstörung eine Zwangssymptomatik:
„Ich habe mich hingesetzt und zwei Stunden lang mein Zimmer aufgeräumt und geputzt, ob es nun dreckig war oder nicht.“
Dann fiel auf, dass Alex weniger aß, an Gewicht verlor und sich zunehmend zurückzog.
Ihre Mutter beschreibt den Moment, in dem sich ihre Wahrnehmung veränderte:
„Man merkt irgendwann: Das ist keine Phase mehr.“
Ein prägender Moment war ein Geburtstag: Die Mutter sah, dass Alex sich am Buffet Essen nahm, und war zunächst erleichtert. Kurz darauf stellte sich jedoch heraus, dass sie zuvor den ganzen Tag nichts gegessen hatte. Dadurch wurde deutlich, dass ihr Essverhalten nach außen hin anders wirkte, als es tatsächlich war.
Der Vater beschreibt diese Zeit als besonders belastend:
„Das Schlimmste war, dass man ihr nicht mehr trauen konnte. Essen wurde heimlich weggeworfen und permanent gelogen, z.B.: ‚Ich habe schon gegessen‘.“
Im Verlauf verlor Alex deutlich an Gewicht, bis zu einem Punkt, an dem es lebensgefährlich wurde. Sie erlitt einen Herzbeutelerguss.

 

„Wir hätten alles genommen“ – auf der Suche nach Hilfe

Es folgten Arztbesuche, Beratungsstellen, erste therapeutische Kontakte. Vieles musste organisiert werden – oft unter Zeitdruck.
„Ich telefonierte mich durch Wartelisten, bekam Absagen, versuchte es immer wieder“, beschreibt die Mutter. „Ich hatte das Gefühl, dass ich keine Zeit verlieren darf.“
Eine ambulante Therapie konnte zwar relativ schnell begonnen werden, erwies sich jedoch als nicht ausreichend.
„Eine Stunde pro Woche reicht in so einer Situation einfach nicht“, sagt Alex rückblickend. „Den Rest der Zeit ist man allein damit.“
Als sich der Zustand weiter verschlechterte, wurde eine stationäre Behandlung empfohlen. Parallel dazu ergab sich die Möglichkeit, an der FIAT-Studie teilzunehmen.
Die Studie vergleicht zwei Behandlungsansätze: die Familien-Basierte Therapie (FBT) und die stationäre multimodale Therapie (SMT). Welche Form der Behandlung erfolgt, wird per Zufall entschieden.
Für die Familie war vor allem eines entscheidend:
„Wir brauchten dringend Unterstützung“, sagt die Mutter. „Der Weg war uns in dem Moment fast egal.“
Die zufällige Zuteilung innerhalb der Studie wurde von der Familie als hilfreich erlebt, da sie die Entscheidung für eine Behandlungsform nicht selbst treffen mussten:
„Ich fand das eher entlastend, dass ich das nicht entscheiden muss.“
Alex wurde dem FBT-Arm zugeteilt.

 

Erste Fortschritte mit der FBT

Im Rahmen der Familien-Basierten Therapie (FBT) erhielt die Familie eine kontinuierliche Begleitung sowie psychotherapeutische Unterstützung. Bei diesem Ansatz wird die gesamte Familie aktiv in den Behandlungsprozess eingebunden und die Eltern übernehmen eine zentrale Rolle bei der Wiederherstellung eines gesunden Essverhaltens.
Bereits im Verlauf zeigten sich erste positive Entwicklungen. Allerdings verlief die Gewichtszunahme nicht ausreichend schnell, sodass ergänzend eine kurzfristige stationäre Aufnahme notwendig wurde.
Für die Familie wurde diese Phase als intensiv und belastend erlebt.
„Ich hatte das Gefühl, dass ich mein Kind abschiebe“, sagt die Mutter. „Und gleichzeitig wusste ich, dass es notwendig ist.“
Die stationäre Stabilisierung hatte jedoch eine wichtige Funktion: Sie unterbrach den stagnierenden Verlauf und schuf eine neue Ausgangssituation. Alex empfand den Krankenhausaufenthalt als abschreckend. Das führte zu einem entscheidenden Wandel: Sie wollte nun gesund werden.
Im weiteren Verlauf zeigte sich eine deutliche Verbesserung – auch in Bezug auf die Gewichtszunahme.

 

Was sich langsam verschoben hat

Nach der Klinik setzte sich der positive Wandel fort.
„Ich habe angefangen, mitzumachen“, sagt Alex. „Nicht, weil ich überzeugt war – sondern weil ich gemerkt habe, dass es so nicht weitergeht.“
Ihre Eltern führen diesen Wandel vor allem auf den Krankenhausaufenthalt zurück. Die stationäre Behandlung habe Alex deutlich gemacht, wie ernst die Situation geworden war, und dazu beigetragen, dass sie die Unterstützung ihrer Eltern und ihrer Therapeutin besser annehmen konnte.
Ein wichtiger Faktor war aus der Sicht von Alex auch die kontinuierliche Begleitung durch die FBT. Vor allem gegen Ende erlebte sie die psychotherapeutische Unterstützung vor Ort als hilfreich.

„Diese Hartnäckigkeit in der Intervention hat einen Unterschied gemacht“, beschreibt der Vater.
Der direkte Kontakt zur Therapeutin verbesserte die Zusammenarbeit spürbar, und vor allem Anerkennung und gezieltes Lob bei Fortschritten wirkten motivierend. Gleichzeitig bleibt für Alex klar, was den größten Unterschied gemacht hat:
„Die Hilfe meiner Eltern.“

 

Zurück ins Leben – mit neuer Stabilität

Heute ist Alex wieder fest im Alltag verankert. Schule, Freundschaften und Zukunftspläne sind wieder präsent.
Ganz verschwunden ist die Essstörung jedoch nicht. Bestimmte Denkmuster und Impulse tauchen weiterhin auf, etwa in Bezug auf Essen, Bewegung oder Gewicht.
Parallel dazu arbeitet Alex in einer weiterführenden Therapie an ihrer Zwangsstörung, die sich während der Erkrankung entwickelt hat.
Auch im Familienalltag ist vieles wieder wie früher. Gemeinsame Mahlzeiten gehören wieder selbstverständlich zum Alltag der Familie. Rückblickend ist für die Familie vor allem eines klar: Allein wäre dieser Prozess nicht zu bewältigen gewesen.
Alex formuliert es direkt: „Man schafft das nicht alleine.“
„Es gibt nicht den einen entscheidenden Punkt“, sagt der Vater. „Aber es gibt viele kleine Schritte, die am Ende etwas verändern.“

In wenigen Schritten zur
Studien-Registrierung

 

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